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 Betreff des Beitrags: Horst Bosetzky - Brennholz für Kartoffelschalen
BeitragVerfasst: Di 17. Aug 2010, 09:25 

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Wieder einmal ein Dachbodenfund, erschienen 1997.

"Pass auf Deine Schlüssel auf!"
Dieser Satz ist für Manfred in den Nachkriegsjahren ein Leitsatz seines Lebens. 1946, Lebensmittelkarten, Kohlenklau und Stromsperre prägen den Alltag, entdeckt er die Welt, macht seiner Mutter viel Kummer. "Du kommst in die Erziehungsanstalt!" Ständig mit dieser Angst lebend, kann er dennoch nicht widerstehen, immer wieder neuen Unfug anzustellen. Sein phänomenales Interesse an Straßenbahnen und deren Streckennetz beschreibt Horst Bosetzky in Einzelheiten, die von Triebwagenbezeichnungen bis zu Aufzählungen einzelner Haltestellen einer Strecke reichen.




Als am Sonnabend Mittag Schulschluss war, kamen Dieter Purwin, Kuki und andere Klassenkameraden auf ihn zu und fragten, ob er mit zum Wannsee käme, zum Baden.
"Nee, ich fahr' nach Schmökwitz raus."
"Du hastes gut!"
"Warum kommtan nich' mit?"
"Wo issen ditte?"
"Mann, hinta Jrünau!"
"Is ma zu weit; fahr' ma alleene!"
Manfred warf sich seinen Ranzen über, nahm sein Kochgeschirr und lief zur Sonnenallee Ecke Reuterstraße, wo die 95 hielt. Das war schon mal spannend, welcher Typ von Wagen heute kommen würde. Neulich war im 'Telegraf' ein Artikel über alte Straßenbahnen dringewesen, und den hatte er sich ausgeschnitten und beinahe auswendig gelernt, wusste jedenfalls Bescheid.
Wahrscheinlich kam wieder ein Zug der Typen T24/B24, denn die gab es am meisten. Das waren die gedrungenen Wagen mit dem breiten Gesicht, die immer so gemütlich wirkten, so wie seine Schmöckwitzer Oma. Vielleicht aber auch ein Doppeltriebwagen vom Typ TM36. Hoffentlich kam kein Hawa-Triebwagen, denn die hatten auf den beiden Plattformen vorne und hinten zwei große
offene Türen, so daß er immer Angst hatte rauszufallen, wenn es in die engen Kurven ging.
Schließlich war es ein Wagen vom Typ "Stube und Küche", der vor ihm hielt. Scheiße, denn im unbenutzten Führerstand am Wagenende thronte schon ein anderer Junge, und außerdem war noch ein Anhänger dran, so daß es ohnehin langweilig war, da oben zu sitzen. Also drängelte er sich, kaum daß die breiten Teleskoptüren aufgeschoben worden waren, ohne Rücksicht auf Verluste vor, um wenigstens vorne neben dem Wagenführer zu stehen und freien Blick auf die Strecke zu haben.


Dieses Buch ist leichte Lektüre. Der Autor beschreibt mit viel Liebe zum Detail und dem Berliner Jargon die Erlebnisse seiner Kindheit.
Nicht nur für ehemalige Berliner Straßenbahnfahrer interessant :mrgreen: .


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