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 Betreff des Beitrags: Dylan Thomas: Die Liebesbriefe
BeitragVerfasst: So 8. Mai 2011, 07:13 
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Ich glaube, das neununddreißigjährige Leben des Dichters Dylan Thomas handelte davon, daß einer stirbt, weil er es in seinem eigenen ausweglosen Kopf nicht aushält und nicht raus kann. Thomas war ein Irrwisch, ein Kobold, ein hochbegabter Clown, er war ständig überdreht und hat gelitten wie ein Hund unter seinem luziden Wissen und der unerträglichen Intensität seiner Wahrnehmung. Alles viel zu viel. Saufen, als Teil der Clownerie und um sich zu betäuben, zu dämpfen, einmal schlafen zu können, von früh an. Die Leberzirrhose ließ sich dann nicht lange bitten.

Schon der Zwanzigjährige schrieb er an seine erste große Liebe:“ Es gibt eine Qual in den Worten, Qual in ihrer Verbindung und Orthographie, in der Schneckigkeit ihrer Spuren auf dem gestohlenen Papier, in dem Klang, den die vier Winde verdoppeln, und in meinem Wissen um ihr Ungenügen. ... Ich frage mich, ob ich dein Wort liebe, das Wort deiner Haare ... das Wort deiner Stimme, das Wort deines Fleisches & das Wort deiner Gegenwart. Wie gut sie auch sein mag, ich kann dich nie als Erde lieben. Die gute Erde deines Blutes ist immer da, unter der Haut, die ich liebe, aber es sind zwei Worte. Es darf für den Analphabeten nur ein halbes Wort fühlbar, hörbar & sichtbar sein. Und ist das die bessere Hälfte? Oder ist das der ganz gespenstische Teil? ... Wenn das die einzigen Fragen wären, wäre ich glücklich, denn sie können mit einem kleinen Dreh des Sinns schnell durch die alten Metaphysiken abgedeckt werden. Aber es gibt andere, erschreckendere Fragen, die ich Angst habe zu beantworten.
...
Diese Dinge sehen auf dem Papier ganz normal aus. Sie erscheinen als gestaltlose, literarische Objekte, & das Meer ist ein Wortmeer ... ich kann es nicht mit Leben erfüllen. Obwohl sie doch so lebendig sind wie ich selbst.(S.35/36)


Thomas war einem Traum von der Linderung dieser unheimlichen Erscheinung ein wenig auf die Spur gekommen, als er einmal Folgendes schrieb:
“Die alleinige demokratische Auffassung von menschlicher Gleichheit ist, daß alle Menschen tragisch und komisch sind; wir sterben, wir haben Nasen. Wir sind nicht durch unsere Tristheit und Kleinheit miteinander verbunden, sondern durch unsere Heldentaten; die gemeinsamen Dinge sind wundervoll, die langweiligen sind jene, die wir nicht gemeinsam haben.“(S.59)
...
Was ist schon ein guter Brief? Einen Teil seiner selbst zu Papier bringen und ihn jemandem schicken, der ihn vermißt?“ (S.64)

Eben. Liebe.

und:
„Der Satz ´Es gibt nichts zu sagen über Gedichte, deren seltsame Schönheit und Wahrheit unmittelbar und allen, selbst den Blinden, einleuchtet´ stimmt einfach nicht. Es muß immer darüber gesprochen werden, was ein großes Werk für einen Einzelnen bedeutet, wie die schöpferische Erkenntnis sich mit der angenommenen Erkenntnis des Lesers in einem Punkt – ist das Yeats? – von Licht trifft.“(S.79)

Dies nur, damit wir nicht aus den Augen verlieren, was zum Beispiel wir zum Beispiel hier zu tun versuchen.

Aber eine Biographie über Dylan Thomas spricht von zunehmenden und anhaltenden Anwandlungen von Verzweiflung.
Er wollte so gern die gesamte Schöpfung lieben, sah aber nur, wie er den „Meilen und Meilen und Meilen von Schlamm und grauem Sand, der entnervenden Verstocktheit der Fischerfrauen“ nie gerecht werden könne. „Diesen Frauen rinnt ihre Lebensessenz als Schweiß die dummen Körper runter, sie schwitzen ihr bißchen Hirn aus, so daß ihre Kinder was zu essen haben, heiraten & kopulieren, empfangen in ihrem heringgestempelten Schoß weiter die Rasse von breithüftigen Idioten, die sie aufziehen, damit diese ihre Kraft auf diesem unaussprechlich tödlichen Sand wegschwitzen können.“ (S.37)

Er hat sie doch geliebt, tief verzweifelt über die ausweglose condition humaine, und keines seiner Werke gibt davon eindringlicher Zeugnis, als das Hörspiel „Unterm Milchwald“, von dem es eine ganz und gar wundervolle deutsche Produktion des MDR-Senders gibt:

Bild

http://www.amazon.de/Unter-dem-Milchwal ... 359&sr=8-2

und in dem der alte, blinde Captain Cat träumend zusammen mit der einzigen Liebe seines heillosen Seefahrerlebens, der Hafenhure Rosie Probert, das Lied der Liebe singt:

Rosie Probert:

Was für Seen hast du gesehn,
mein Tom Kater, Tom Cat,
in deinen Seefahrertagen
vor langer Zeit?
Was für Seetiere waren
im welligen Grün,
als du mein Käptn warst?

...

Captain Cat:

Ich will dich nicht belügen,
ich sah nur ein Meer:
Das Immermehr,
und du reitest die Wogen!
Leg dich nieder, laß mich landen,
laß mich scheitern in deinen Lenden.


Aber ich kann hier keinen Eindruck dieses Werkes vermitteln, das Erich Fried ins Deutsche gebracht hat, und das ich seit meiner Schulzeit über alles liebe. Solltet ihr es nicht kennen, so kann ich nur sagen: gönnt es euch, lest das Stück und hört es euch an, wie auch immer, es ist die reine, vollkommene Poesie dieses verdammten Lebens.

http://www.amazon.de/Unter-dem-Milchwal ... 358&sr=1-1
http://sv.wikipedia.org/wiki/Dylan_Thomas

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bye, bye, my I


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 Betreff des Beitrags: Re: Dylan Thomas: Die Liebesbriefe
BeitragVerfasst: So 26. Jun 2011, 13:32 
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"Ich wache schon seit 28 Jahren, oder so, jeden Morgen mit mir selber auf."

Dylan Thomas: Liebesbriefe, S.65

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