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 Betreff des Beitrags: Katja Petrowskaja: Vielleicht Esther
BeitragVerfasst: Do 10. Apr 2014, 17:18 
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Zwischen wie vielen Stühlen man sozusagen sitzen kann, zeigt Katja Petrowskaja, indem sie Stühle nicht als etwas betrachtet, worauf man sich zurücklehnt und es bequem hat. Man sitzt halt mal auf dem einen oder dem anderen oder auf allen irgendwie gleichzeitig, und wenn das gerade nicht geht, setzt man sich auf den Boden und guckt sich sich die Stühle von unten an – auch eine ergiebige Perspektive, eine von vielen möglichen.

Die vielen möglichen Betrachtungsweisen machen den Reiz von „Vielleicht Esther“ aus, und es ist die einzige Art und Weise, in der sich die Autorin der Geschichte ihrer Familie nähern kann, die sich in einem von Kriegen zerfetzten Osteuropa zwischen stalinistischen Schauprozessen, Kriegsgefangenschaft und Massenvernichtung wegen ihrer jüdischen Zugehörigkeit ereignet. Durchsetzt vom Schweigen der Toten, wie auch dem der Überlebenden, die ihre eigenen Gründe haben und sich nicht unbedingt dem Erkenntnisdrang der nachgeborenen Generation beugen.

Da bedarf es schon einiger Zuhilfenahme von Vorstellungskraft und vieler „Vielleicht“ bei dem Versuch, Menschenbilder und Schicksale zusammenzufügen. „Du machst aber kühne Vergleiche“, sagt der Vater der Autorin an einer Stelle, und das tut sie, denn, sagt sie an anderer Stelle: „manchmal ist es gerade die Prise Dichtung, welche die Erinnerung wahrheitsgetreu macht.“

Aber das Schweigen, das in dieser Familie einen ganz eigenen Stellenwert besitzt, da es in ihr eine Tradition der Unterrichtung von Taubstummen über mehrere Generationen hinweg gibt, wird durch den Versuch der Autorin aufgehoben, Linien zu finden, die die Schicksale ihrer Vorfahren mit ihr selbst verbinden sollen, wenigstens teilweise. Wie anders sollte sie imstande sein, sich in Beziehung zu setzen zu der Geschichte ihrer Familie, die so stark von europäischer Geschichte geprägt ist, wie anders sollte sie in der Lage sein, sich einem Zusammenhang zuzuordnen und teilzuhaben an der Geschichte aller. Darum geht es in diesem vielschichtigen und sich von gegebenen Erzählnormen unabhängig machenden Werk, das sich zwischen stellenweise hochliterarischem und poetischem Ton und journalistischer Sachlichkeit frei bewegt. Geschichte ist eben alles, Geschichte nimmt jede Form von Überlieferung an, in der sie sich auszudrücken vermag.

Diese Qualität ist es, die Katja Petrowskajas Buch von anderen Lebensschilderungen Überlebender des Völkermords an den Juden und der Kriege des letzten Jahrhunderts unterscheidet. Es zeigt eine Form auf, in der sich eine Generation mit der Geschichte auseinandersetzen kann, der die wirklich Betroffenen verlorengegangen sind. Die Beschäftigung mit der Familie und dem Bezug auf das eigene Leben tritt generationsbedingt in eine neue Phase. Wie gut, daß hierdurch nichts zuende geht oder scheinbar abgeschlossen wird, sondern in neuer Gestaltung ins Leben der Lebenden treten kann und dem Vergessen entgegenwirkt.

Wie wichtig dies sein kann, zeigt sich zum Beispiel durch das plötzliche Aufflammen eines neuen Ost-West-Konflikts in der Ukraine, wodurch das Buch (dessen Autorin als Bürgerin der Sowjetunion in der heutigen Ukraine in Kiew geboren wurde) unversehens eine überraschende Aktualität gewinnt und zumindest meinem Bild, das ich von den Verhältnissen habe, etwas hinzufügt.

Und über allem die ewig unbeantwortete Frage, die kein Vergessen zuläßt: „Wenn Kain Abel getötet hat und Abel keine Kinder hatte, wer sind dann wir?“

_________________
bye, bye, my I


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 Betreff des Beitrags: Re: Katja Petrowskaja: Vielleicht Esther
BeitragVerfasst: Di 22. Apr 2014, 07:47 
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alles gesagt. alles ganz wunderbar gesagt!

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