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 Betreff des Beitrags: Anthony Burgess, A Clockwork Orange
BeitragVerfasst: Fr 11. Jul 2014, 17:59 
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Registriert: Sa 11. Jun 2005, 17:20
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Die Philosophie des Buches scheint: es gibt nur die Wahl zwischen fressen und gefressen werden; Täter oder Opfer sein. Die menschliche Gesellschaft, wie sie ist, hat nichts anderes zu bieten. Jugendliche und kriminelle Gewalt an ihrem Rand sind ein Komplement zu ihrer eigenen Gewalttätigkeit. Der Mensch ist ein äußerst gewalttätiges Tier, auf welcher Seite er auch steht. Sowohl in der „Gesellschaft“ wie auch außerhalb herrscht jeweils das Alpha-Tier. Irgendwo in den Räumen dazwischen treiben Meinesgleichen (d.h. die Schwächlinge) sich herum und versuchen, dem einen, wie dem anderen zu entkommen. Irgendwie müssen wir Schwächeren uns ja schützen vor Gewalt. Und dazu ist der menschlichen Spezies noch nicht viel Wirksames eingefallen, mir auch nicht, ich stehe immer ratloser davor, je älter ich werde.
Ich sehe mich keineswegs als besseren Menschen, nur als Schwächeren, Feigeren.

Das eigentliche moralische Menschheitsproblem scheint mir die LUST an Gewalt zu sein. So sind wir Menschen gefunzt, und wenn man es bedenkt, so haben wir uns ja nicht selber gemacht.

Und wer behauptet, daß Gewalt dumm ist, hat Unrecht: auf Gewalt wird jederzeit ebenso viel Intelligenz angewendet wie auf deren Verhinderung. Mein Eindruck ist sogar, daß wesentlich MEHR Intelligenz auf die Entwicklung von Gewaltmethoden verwendet wird, als auf deren Verhinderung. Alle technischen Fortschritte der Menschheitsgeschichte beruhen auf der Weiterentwicklung von Gerät zum Zweck der effektiveren Kriegsführung, alle Spiele der Menschen handeln von Kampf und Krieg, und das ganze menschliche Leben kann sehr wohl in diesem Licht gesehen werden, es gibt keine Alternativen und kein Entkommen. Die Lebensenergien selbst, die der Erhaltung des Lebens und die der Fortpflanzung und Vermehrung, sind sowohl zerstörerisch als auch schöpferisch, sie sind es zugleich und zu insgesamt vielleicht etwa gleichen Teilen.

Daß der Protagonist des Buches von Anthony Burgess intelligent ist und Beethoven liebt, sagt und ändert also nichts (und soll es auch nicht, so, wie ich den Autor verstehe). Hitler liebte schließlich Wagners Musik, die Schergen von Auschwitz hatten zum Teil einen ausgesuchten Musik- und Kunstgeschmack.

Thomas Mann hat zu diesem Thema einmal etwas äußerst Kühnes gesagt:
„Das Geschehen der Welt ist groß, und da wir nicht wünschen können, es möchte lieber friedlich unterbleiben, dürfen wir auch die Leidenschaften nicht verwünschen, die es bewerkstelligen; denn ohne Schuld und Leidenschaft ginge nichts voran.“

Krieg kann man also ungesucht als Grundprinzip aller kosmischen und menschlichen Vorgänge sehen.

Ich selbst sehe die Dinge und ein Buch wie „A Clockwork Orange“ notwendigerweise aus einer eigenen Perspektive: der einer Frau, allein schon körperlich unterlegen, aufgewachsen und erzogen in der ewigen Angst vor „dem Mann“. Jedes Mädchen wird so aufgezogen. Ich habe in der Grundschule brutale, dumpfe Gewalt kennengelernt. Ich habe mein Leben lang versucht zu verstehen, wozu Menschen sowohl am Rande von vermeintlich „friedlichen“ Gesellschaften wie auch als Bestandteil hochorganisierter Zivilisationen imstande sind. Die Folge ist, daß ich nicht mehr weder Beschreibungen noch bildliche Darstellungen davon suche. Mir reichen die täglichen Nachrichtensendungen, und den Rest besorgt meine vielleicht etwas reizbare Phantasie. Vielleicht mangelt es mir auch ganz allgemein an jenen offenbar für das Überleben so wichtigen Energien, die alles im Leben zu Kampf und Krieg machen.

„Was für ein schmutziges, stinkendes, blutiges Chaos von Welt. Und doch sagt man, das Leben sei gut. Und das Lustige daran ist, daß es das auch ist, Gott helfe uns“, sagte Anthony Burgess in einem anderen seiner Bücher, „Der Mann am Klavier“ (The Pianoplayers).

_________________
bye, bye, my I


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