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 Betreff des Beitrags: Heinrich Steinfest: Das grüne Rollo
BeitragVerfasst: Do 5. Nov 2015, 16:24 
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Da sind zunächst einmal alle die bekannten Zutaten von Fiktion, Science fiction, Fantasy, von alten Märchen und Mythen bis zu Michael Ende und Harry Potter; dazu viele gemütvolle Nachdenklichkeiten über dies und jenes unter der Sonne, sowie auch diverse spitze politische Spitzen des Autors. Aber wie das so auffällig oft der Fall ist mit vorallem österreichischer (der Autor ist Österreicher) Gemütlichkeit – der Alptraum lauert direkt unter der dünnen Decke der Fabuliererei. In diesem Buch geht es fortschreitend nicht darum, sich in einer Phantasiewelt wohlig zu verlieren, es herrscht hier, allerlei Raumfahrt zum Trotz, eine reelle Bodenhaftung. Das hat vorallem mit den Charakteren zu tun, der Autor versucht offenbar, eine Welt von Superhelden zu untergraben. Theo, die Hauptperson zum Beispiel, hat zwar einen göttlichen Namen, ist aber ein mittelmäßiger Schüler und dann ein mittelmäßiger Ehemann und Vater von fünf Kindern, und in seinem Berufsleben ein mittelmäßiger Astronaut, alswelches Motiv auch der Ansiedlung der Erzählerperspektive im Jahr 2046 geschuldet ist, wenn sogar regelmäßige bemannte Flüge zum Mars längst zum Alltag gehören. Die kindlichen Allmachtsphantasien von Superhelden gehören nur dem zehnjährigen Ich des Erzählers an, danach relativiert sich alles, jedoch ohne deshalb an Sinn und Energie zu verlieren. Ich nehme an, daß hierin eine der Absichten des Autors liegt. Manche sind offenbar der Meinung, er habe dadurch dem Genre seinen Zauber genommen, aber beim Lesen des Buches habe ich das ganz und gar nicht so empfunden. Für mich liegt der Zauber des Phantastischen eher in einer Projektion menschlich-allzumenschlicher Komplexität als in irgendeiner sinnfreien Phantasterei, die diese verleugnet und simplifiziert.

In der Wohlfühlzone beläßt der Autor den Leser also nicht, sondern besteht darauf, sich und ihn in immer fortschreitendem Maße, wenn auch in phantastischer Form und Verkleidung, äußerst komplizierten menschlichen Verhältnissen auszusetzen, so daß die Geschichte sich geradezu dystopischen Zuständen nähert wie jahrzehntelangem Krieg und Bürgerkrieg – die Beispiele aus der Wirklichkeit allein der letzten Jahrzehnte, die einem unmittelbar dazu einfallen können, sind ja Legion: Beirut, Balkan, Kaukasus ... you name it.

Am Ende entschlüsselt sich die ganze vorhergegangene Geschichte jedoch als eine Tragödie auf einer sehr persönlichen Ebene – der zehnjährige Theo des langen ersten Teils des Romans ist (oder hat sich) unter letztlich ungeklärten Umständen aus dem Fenster seines Zimmers im fünften Stock eines Wohnhauses gestürzt und zwar knapp überlebt, verbringt jedoch den Rest seines Lebens, immerhin vierzig Jahre, im Zustand des sogenannten Wachkomas, liebevoll betreut und gepflegt von (fast) seiner ganzen Familie und Ärzten. Die Zeitperspektive des Romans ist, wie gesagt, das Jahr 2046, und der Romanautor spekuliert darüber, wie in jener für uns fernliegenden Zukunft durch einen neuentwickelten, etwa buch(!)großen Gehirnscanner das überaus rege geistige Leben des nach außen hin bewußtlosen Theo dokumentiert werden kann, der offenbar vielfältiger Wahrnehmung fähig ist und mit der ihn umgebenden Außenwelt in einem gewissen phantastischen Sinn interagiert (was wiederum einen Schlagschatten zurückwirft auf unsere aktuelle Erdenszeit und die Tatsache, wie äußerst wenig wir immer noch wissen über das innere Leben des Menschen überhaupt und der Unglücklichen im Koma im Besonderen; auf die Tatsache, wie furchtbar es ist, Entscheidungen über ihr Leben und ihren Tod treffen zu müssen). Durch die Entdeckung jenes Scanners durch den ihn über viele Jahre behandelnden Arzt entgeht Theo der immer wieder diskutierten Entscheidung, die lebenserhaltenden Maschinen und Geräte abzuschalten, bis er am Ende eines natürlichen Todes durch umfassendes Organversagen stirbt. Der besagte Arzt ist es, der ein Buch über Theos Innenleben schreibt – das uns vorliegende Buch. Und so ist das Buch selbst der eigentliche Hoffnungsstrahl, mit dem der Leser aus dieser Lektüre hervorgeht.

smiley_52:

_________________
bye, bye, my I


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